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Der Rassismus der *GIDAs

Bild: Ey Lou Flynn – Rassismus

Wenn man in den letzten Monaten über Rassismus nachgedacht hat, kam man an den verschiedenen *GIDAs, die zuletzt vor allem in Dresden und Leipzig, in kleinerer Form aber auch in zahlreichen anderen Städten Deutschlands aus dem Boden geschossen sind, nicht vorbei.

Je nachdem, in welcher Stadt man schaut und welche Ausprägung und Strömung dieser „Bewegung“ man betrachtet, stößt man auf eine beachtliche Mischung aus feinen Schattierungen, die von Ausländerfeindlichkeit hinter vorgehaltener Hand bis zu offen propagiertem Rassismus reichen, die sich vornehmlich gegen Asylbewerber*innen und Muslime in Deutschland richtet.

Dabei bemühen die *GIDAs immer wieder zwei große Schreckgespenster, um ihren Rassismus als berechtigte Ängste besorgter Bürger*innen zu tarnen, nämlich auf der einen Seite die Angst vor einer angebliche „Islamisierung“ des „christlichen Abendlandes“ und auf der anderen Seite der angebliche Missbrauch des Asylrechts durch sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Mir ist natürlich klar, dass bei den *GIDAs auch jenseits dieser beiden Punkte so ziemlich alles schief läuft, was auch nur schief laufen kann (Die Parole „Lügenpresse“ hat beispielsweise auch 80 Jahre nach der NS-Zeit nichts mit Medienkompetenz zu tun), ich will mich hier aber lediglich auf diese beiden Aspekte beschränken.

Die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“

Muslim Pride
Foto: Charles Roffey – Muslim Pride

Wenn man den *GIDAs in Hinblick auf ihre kruden Thesen zum Thema „Islam in Deutschland“ Glauben schenken würde, müsste man annehmen, dass bei uns nicht nur tagtäglich Moscheen aus dem Boden sprießen und die Mehrheit der Frauen nun ohne Kopftuch nicht mehr das Haus verlässt, sondern dass außerdem das Christentum aktiv von aggressiv missionierenden Muslimen verdrängt wird.

Wenn man sich jedoch im Gegensatz dazu die Zahlen und Fakten anschaut, stellt man fest, dass die beschworene „Islamisierung“ absoluter Blödsinn ist. Zwar gibt es gewisse Schwankungen, was die Anzahl der Muslime in Deutschland angeht, jedoch pendeln sich alle Erhebungen der letzten Jahre darauf ein, dass etwa 2,5 bis 5,5% der Bevölkerung Deutschlands muslimisch ist 1)Wikipedia: Religionen in Deutschland, zweiter Absatz. Darüber hinaus stellt man fest, dass sich die Anzahl der Muslime in Deutschland in den letzten 25 Jahren (also seit 1990) nicht nennenswert verändert hat 2)Fowid: Religionszugehörigkeit Deutschland 1950 – 2008 . Im Vergleich dazu: Bei einer von Zeit Online in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage zum Thema „Fleischkonsum“ kam heraus, dass ca. 6% der Befragten vegetarisch oder vegan leben 3)Zeit Online: Der Fleischkonsum steigt mit dem Einkommen. Da Vegetarismus und Veganismus außerdem im Vergleich zu einer Weltreligion wie dem Islam relativ moderne Phänomene sind, nehme ich an, dass die Anzahl der Vegetarier*innen und Veganer*innen in Deutschland in den letzten 25 Jahren deutlich stärker angestiegen ist, als die der Muslime. Trotzdem warnt niemand bei *GIDA vor einer „Vegetarisierung des Abendlandes“ (Auch wenn ich mir vorstellen kann, dass sich bei den *GIDAs sicher zahlreiche Menschen finden, die in der Forderung nach einem Veggie-Day die Umtriebe von irgendwelchen sozialistischen Verbotsparteien und damit den Untergang unserer freiheitlichen Demokratie sehen…).

Im krassen Gegensatz zu dieser eher niedrigen Anzahl muslimischer Menschen in Deutschland steht jedoch eine erschreckend hohe Anzahl Menschen mit antiislamischen Ressentiments: Laut einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid haben ca. 60% der Deutschen eine negative Haltung gegenüber dem Islam 4)Die Welt: Deutsche sind intolerant gegn Muslime und Juden.

An diesem Verhältnis von tatsächlichen Muslimen und der schieren Masse an ihnen gegenüber negativ eingestellten Menschen erschrecken mich dabei gleich zwei Dinge: Zum einen, dass eine relativ kleine Gruppe einen Sündenbock oder ein Feindbild für eine Mehrheit der Deutschen darstellt und zum anderen, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland weit, weit über die *GIDAs der Republik hinausgeht.

Rassismus statt Religionskritik

Noch viel erschreckender ist jedoch, dass hinter der oben beschriebenen Islamfeindlichkeit nicht etwa eine fundierte Religionskritik steckt. Es ist ja nicht so, dass die *GIDAs oder andere Menschen, die behaupten, dem Islam skeptisch gegenüber zu stehen, in die nächste Moschee gehen, um die theologische Auseinandersetzung mit dem dortigen Imam zu suchen. Stattdessen werden die diffusen Ängste und Ressentiments, zusammengehalten durch das pseudorationale Korsett der vermeintlichen Islamkritik auf alles und jede*n projiziert die*der in irgendeiner Weise „muslimische“ wirkt oder aussieht. Am Ende ist es der*dem deutschen Alltagsrassist*in völlig egal, welchen Glauben die Person hat, die er oder sie doof findet.

Wenn sie auf der Straße Menschen mit etwas dunklerer Hautfarbe, schwarzen Haaren und braunen Augen begegnen, fragen sie schließlich nicht nach „Hey, bist du Moslem und können wir mal über deinen Glauben diskutieren?“ (was an sich schon eine rassistische Einordnung ist!), sondern stattdessen wird dieser Mensch in die Schulade „Moslem“ gesteckt, völlig gleich, ob es nun ein Moslem, Jeside, Christ oder Atheist ist.

Daher ist die angebliche „Islamkritik“ nichts weiter als ein vorgeschobenes Argument, um dem eigentlichen Rassismus der *GIDAs zu verschleiern.

Einwanderung in die Sozialsysteme?

Bild: Walt Jabsco – Migration is not a crime

Wie die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ phantasieren die *GIDAs auch die Gefahr einer „Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ herbei. Auch dieses vorgeschobene Argument erweist sich bei genauerer Betrachtung als unhaltbar. Schon heute zahlen Migrant*innen deutlich mehr in den deutschen Staatshaushalt ein, als sie an Sozialleistungen daraus beziehen 5)Süddeutsche: Faktencheck zur Einwanderung – Kosten Einwanderer Deutschland zu viel Geld?.

Wenn man dann noch bedenkt, dass es für Asylbewerber*innen rigide Arbeitsregelungen gibt, die ihnen de facto verbieten, in Deutschland einer Tätigkeit nachzugehen 6)SPON: Lasst mich arbeiten, ich bin Arzt und es für Migrant*innen mitunter sehr schwer ist, ihre im Herkunftsland erlangten Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen 7)Heinrich Böll Stiftung: „Brain Waste“: Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Deutschland, kann man über die pure Absurdität der Behauptung der *GIDAs eigentlich nur noch den Kopf schütteln.

Völlig außer Acht gelassen habe ich bei dieser Überlegung natürlich, dass Migrant*innen, die in Deutschland Schutz oder neues Glück für sich und ihre Familien suchen, nicht selten auch Kinder und Jugendliche mitbringen, die in Deutschland die Chance haben, eine neue Heimat zu finden, hier Schulabschlüsse und Berufsausbildungen erlangen können und so einen Nutzen für die gesamte Gesellschaft bringen können, sofern ihnen denn die Möglichkeit geboten wird, ein Teil dieser Gesellschaft zu werden.

Aber unabhängig von der Wirklichkeitsnähe der Horroszenarien, die von den *GIDAs an die Wand gemalt werden, ist natürlich auch die Angst vor einer angeblichen „Einwanderung in die Sozialsysteme“ nur eine Verschleierung des eigentlich zugrunde liegenden Rassismus, der sich gegen augenscheinliche Migrant*innen richtet, die nicht „europäisch“ aussehen. Dabei wird weder gefragt, ob der Mensch eine Berufsausbildung hat, einer Arbeit nachgeht oder ob er überhaupt nach Deutschland eingewandert ist. Solange der Mensch anders aussieht, fällt in das rassistische Raster der *GIDAs und bekommt den Sozialschmarotzerstempel aufgedrückt.

Fußnoten   [ + ]

Gründe, Klaus Rainer Röhl nicht zu mögen…

Meine Großmutter hat ja einen überraschend grandiosen Griff, was Buchgeschenke für mich angeht. Dieses Jahr hat sie mir ein Buch von Ralph Giordano geschenkt, den ich wegen seiner antiislamischen Ansichten kurz davor zerrissen habe und letztes Jahr bekam ich von ihr Klaus Rainer Röhls „Mein langer Marsch durch die Illusionen“, das ich aber erst heute aus dem Regal hervor gekramt habe. Ich war ja von Anfang an skeptisch: Der frühere Ehemann von Ulrike Meinhof und konkret-Gründer (!!!) schreibt kritisch über sein „Leben mit Hitler, der DKP, den 68ern, der RAF und Ulrike Meinhof“. Kritik linker Organisationen und deren Handlungsweisen… gerne, aber was bewegt ihn überhaupt dazu, diese kritische Auseinandersetzung zu suchen?

Naja… ich habe mir angewöhnt, vor dem Lesen eines politischen Buchs erstmal etwas über den Schinken heraus zu finden. Damit meine ich nicht unbedingt den Inhalt oder irgendwelche Kritiken, schließlich ist das alles irgendwo Ansichts- und Interpretationssache, sondern eher die Frage, in welchem Dunstkreis das Werk entstanden und erschienen ist, also recherchiere ich über den Autor und den Verlag und das hat folgendes ergeben:

  • Klaus Rainer Röhl gehört nach seiner politischen Kehrtwende nicht nur der FDP an (das ist ja noch verzeihlich, wenn auch unschön), sondern engagiert sich außerdem für nationalliberalen Flügel der Partei, der sich wiederum (unter anderem natürlich) um den Juristen Alexander von Stahl (WAS für ein Name) formiert. Dieser für seinen Teil vertrat die Junge Freiheit bei einer Verfassungsbeschwerde, weil der Verfassungsschutz NRW das Blatt als rechtsextremistisch eingestuft hat. Von Politikwissenschaftlern wird die Junge Freiheit zumindest zur Neuen Rechten gezählt.
  • Derzeit schreibt Röhl für das Wochenblatt Preußische Allgemeine Zeitung, das sich selbst als „wertkonservativ“ bezeichnet und ebenfalls zur Neuen Rechten gezählt wird.
  • Darüber wirft seine Tochter Anja Röhl dem Autor vor (Stern-Artikel mit bunten Bildern), sie in Kindertagen sexuell missbraucht zu haben und für mich sind keine Gründe ersichtlich, ihren Anschuldigungen keinen Glauben zu schenken.
  • Zu guter Letzt wird der Universitas-Verlag, in dem Röhls Buch erschienen ist, von Wikipedia als neofaschistisch bezeichnet, zumindest aber steht der Verleger Herbert Fleissner der rechtsextremen Publizistik nicht fern.

 

Naja… nach dieser Recherche ist das Buch dann im Altpapier gelandet und das ist noch der gnädigere Weg der Entsorgung… Mir wurde die Verwendung als Klopapier vorgeschlagen, aber das bringe ich dann doch nicht über mein bücherliebendes Herz.