Kleine Kritik des Arbeitszwangs

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Foto: fileccia

An der Schule, an der ich arbeite, haben die Schüler*innen jede Woche mehrere Arbeitsstunden während der Unterrichtszeit, in denen sie ihre Wochenpläne bearbeiten können sollen. Dabei ist es üblich, von den Schüler*innen zu erwarten, die ganze Zeit konzentriert durch zu arbeiten. Dabei wird jedoch weder auf die Energie der Schüler*innen, noch auf die persönlichen Zeit- und Arbeitspläne Rücksicht genommen: Wenn alle Aufgaben erledigt sind, oder anscheinend nichts zu erledigen ist, sollen sich neue Aufgaben gesucht werden: zum Beispiel Vokabeln lernen, Mappen neu organisieren, zusätzliche Arbeitsblätter bearbeiten.

Durch diese Form des „Arbeitszwangs“ haben Schüler*innen weder die Chance, Autonomie und Selbstbestimmung zu lernen, ihre Zeit und Energie selber zu verwalten, sondern entwickeln meiner Meinung nach auch ein problematisches Verhältnis zu Arbeit an sich.

Arbeit an der Schule ist oftmals unfreiwillig: Sowohl die Fächerwahl als auch die bearbeiteten Themen sind bis auf wenige Ausnahmen vorgegeben und bieten wenig Raum für Mitbestimmung von Seiten der Schüler*innen. Daraus folgt, dass Schüler*innen nur selten aus einer intrinsischen Motivation heraus arbeiten, sondern aus äußeren Zwängen heraus. Diese äußeren Zwänge zeigen sich dann in Sanktionen, wie zum Beispiel schlechten Noten oder Tadel von Seiten der Lehrer*innen.

Lohn für Arbeit gibt es im System Schule dagegen seltener: Das fleißige Bearbeiten von Aufgaben wird als Norm angesehen und von Lehrer*innen erwartet, dementsprechend selten gelobt oder belohnt. Nichtbearbeitung gilt als abweichendes Verhalten und wird bestraft.

Dieses in der Schule gelebte und gelernte Verhältnis zur Arbeit entspricht jedoch nicht dem bei Menschen üblichen Verhältnis zur Arbeit: Arbeit ist immer eine Mühe, die belohnt werden muss: Dieser Lohn kann dabei wohl von innen (persönliches Interesse, Selbstverwirklichung) als auch von außen (Lob, Geld, Anerkennung) kommen, muss jedoch in irgendeiner Form erfolgen.

Mögliche Wege, diesem problematischen Verhältnis zur Arbeit in der Schule zu begegnen wären in meinen Augen zum Beispiel, den Schüler*innen mehr Freiheiten bei der Fächer- und Themenwahl einzuräumen, so bestünde eine größere Chance, dass Schüler*innen Aufgaben aus persönlichem Interesse bearbeiten. Auch sollten Lehrer*innen sich von dem Gedanken verabschieden, dass gute Arbeit von Seiten der Schüler*innen eine erwartbare Selbstverständlichkeit ohne Gegenleistung ist. Stattdessen sollte gute Arbeit häufiger belohnt werden, zum Beispiel durch gemeinsames Spielen, gemeinsame Pausen oder ähnliches. Auch sollte in den Arbeitsstunden mehr Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeitne der Schüler*innen genommen werden: Manche Schüler*innen können sich in den Arbeitsstunden auf Grund der naturgemäßen Unruhe in einem vollen Klassenraum nicht konzentrieren und erledigen ihre Aufgaben lieber zu Hause, einige Schüler*innen sind bereits vom regulären Unterricht erschöpft, wieder andere haben eigene Zeitpläne, die von Lehrer*innen nicht respektiert werden. „Autonomie lernen“ bedeutet auch in der Schule „Freiheiten haben!

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