ZDF.kultur – Roche & Böhmermann

Roche & Böhmermann
Bild: Tim Bartel

Die seit dem 4. März ausgestrahlte ZDF.kultur-Talksendung „Roche & Böhmermann“ ist nun nach sieben gezeigten Sendungen und einer Best-of-Folge, in der die vergangenen Sendungen von den beiden namensgebenden Moderatoren Charlotte Roche und Jan Böhmermann kritisch resümiert wurden, in eine ausgedehnte Sommerpause gegangen. Diese Gelegenheit lässt sich nutzen, um selbst ein erstes Fazit über das Konzept und die Gestaltung der Sonntagabend-Unterhaltungstalkshow zu ziehen.

Roche und Böhmermann beschreiben ihre Sendung selber als eine Talkshow ganz in der Tradition des frühen Fernsehens und versuchen dieses Flair durch die spartanische Gestaltung des Studios, Tisch- statt Ansteckmikrofone und das Gestatten von Alkohol und Rauchen aufzugreifen. Die Idee wirkt und lässt Roche & Böhmermann glücklicherweise nicht ältlich, sondern auf eine retro-charmante Art und Weise jung und sympathisch wirken.

Ebenso wie die unkonventionelle Gestaltung der Show tragen auch die beiden Moderatoren einen massiven Teil dazu bei, dass man als Zuschauer das Gefühl vermittelt bekommt, man säße mit Freunden in einer verrauchten Kneipe und würde über Gott und die Welt schnacken: Charlotte Roche und Jan Böhmermann sind in ihrer Moderation charmant, wirken authentisch und harmonieren ausgezeichnet miteinander. Dieses Auftreten erhöht den Wohlfühl- und Kneipenfaktor, die Moderation schwächelt aber in inhaltlicher Sicht und auf der Gesprächsebene. Die Gespräche wirken häufig ziellos und diffus: Themen werden angeschnitten und wieder fallen gelassen, es wird über Nichtigkeiten geredet und wenn ein Gast anfängt, einen Standpunkt oder ein Thema auszuführen, wird er oft zu schnell wieder unterbrochen. Die Redezeiten der Gäste sind aber sowieso eine komplizierte Gradwanderung: Bei Roche & Böhmermann fällt auf, dass die Redezeiten der Gäste oft sehr unterschiedlich sind und manche Gäste gar nicht oder nur wenig in das Gespräch eingebunden werden oder aber sich einbinden lassen: Beispiele dafür sind der Rapper Dendemann, der darunter leiden musste, dass Roche und Böhmermann die Sorge hatten, dass keine Frage seiner würdig wäre und ihn daher nichts fragten oder Türsteher Sven Marquardt, der keine Lust hatte, zu erklären, wen er warum in die Berliner Szenedisko Berghain lässt und wen nicht. Meiner Meinung nach würde es der Unterhaltungsshow gut tun, pro Sendung weniger Gäste einzuladen, sich dafür aber intensiver und ausführlicher mit ihnen auseinander zu setzen.

Trotz der teilweise diffus wirkenden Gesprächsführung kommen bei Roche & Böhmermann immer wieder interessante oder kontroverse Themen auf. Dazu gehören zum Beispiel Balian Buschbaums Ausführungen über die Funktionsweise seines Penis, den er im Zuge einer Geschlechtsumwandlung erhalten hat, oder Henryk M. Broders Meinung zu Auschwitz-Besichtigungen. Letzteres führte zu einer aufgebrachten Anna Fischer und einem betretenem Moderatorenpaar. Es macht allerdings Spaß, als Zuschauer zu beobachten, wie mit solchen schwierigen Situationen umgegangen wird: Es werden Stilmittel eingesetzt, wie Gespräche über „Gedankenübertragung“ zwischen den beiden Moderatoren, in denen die aktuelle Situation kommentiert und bewertet wird, Szenen werden „zurückgespult“ und noch einmal anders durchlebt, um den Gesprächsverlauf positiv zu beeinflussen und am Ende der Sendung sitzen Charlotte Roche und Jan Böhmermann immer noch einige Momente zusammen, lassen die letzten sechzig Minuten Revue passieren und fragen sich, was sie hätten besser machen können. Das gibt einem als Zuschauer das unheimlich wertvolle Gefühl an den Gedanken und Gefühlen der Moderatoren teilhaben zu können und baut eine große Authentizität und Identifikationspotenzial mit den beiden Gastgebern auf.

Trotzdem würde ich mir wünschen, dass die Gespräche in den kommenden Sendungen deutlich zielgerichteter geführt werden. So hatte ich bisher nicht das Gefühl, dass sich das Team im Vorfeld bei jedem Gast Gedanken darüber gemacht hat, was mit ihm besprochen werden könnte. So werden potenziell interessante Gäste und Gesprächsthemen verschenkt und die Moderatoren laufen Gefahr, unvorbereitet zu wirken. Ganz im Gegensatz dazu wird mit den liebevoll collagierten und mit grandiosem, bissigen Witz geschriebenen Einspielern der Gäste bewiesen, dass sich die Gastgeber Roche und Böhmermann sehr wohl im Vorfeld mit ihnen auseinander gesetzt haben. Vorgetragen werden sie zur Vorstellung der einzelnen Gäste vom Sprecher der Sendung William Cohn, der mit seinen altbackenen Anzügen aussieht, als stamme er direkt aus den Sechzigern und mit seiner lakonischen Sprechweise regelmäßig zum Schmunzeln bringt.

Bei der Talksendung Roche & Böhmermann fällt auf, dass ein frisches Produktions- und Moderatorenteam am Werk ist, das Lust auf Experimente und neue Ideen hat und nicht das reproduzieren möchte, was schon x-Mal dagewesen ist. Das und die beiden sympathischen Gastgeber machen Lust auf die neuen Sendungen, die im September kommen sollen. Gleichzeitig hoffe ich, dass Charlotte Roche und Jan Böhmermann ihre Sommerpause nicht nur nutzen, um Urlaub zu machen, sondern auch an ihrem Konzept feilen: Gäste werden verschenkt und spannende Themen werden zu schnell unterbrochen. Es wäre schön zu sehen, wenn die beiden Moderatoren es schaffen könnten, ein wenig in den Hintergrund zu treten, um den Gästen und Themen eine bessere Bühne bieten zu können. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die richtigen Gäste eingeladen werden, die auch interessante Themen mitbringen können. Positive Beispiele dafür waren Kaufhaus-Erpresser Arno Funke oder Autorin und Moderatorin Paula Lambert, die ein neues Projekt vorgestellt hat, das im Sommer auf dem Sendeplatz von Roche & Böhmermann laufen soll.

Mein Fazit nach den ersten sieben Folgen Roche & Böhmermann ist, dass der Sendung ein solides Konzept zugrunde liegt und von zwei ausgezeichneten Moderatoren getragen wird. Gleichzeitig wird sie nicht dem Anspruch gerecht, an die Tradition alter Talksendungen anzuknüpfen: Zwar wird auf Aufmachung liebevoll adaptiert, jedoch fehlen an vielen Stellen die Inhalte und Diskussionen. Ich hoffe, dass das vorhandene Potenzial genutzt und die bestehenden Probleme erkannt werden, um im September Böhmermanns Prophezeiung zu erfüllen: “ Bis Sommer steht das Konzept, ab Herbst steigt die Quote.“

3 Gedanken zu „ZDF.kultur – Roche & Böhmermann

  1. Sehr schön geschrieben. Du spiegelst damit auch meine Meinung wider, jedoch mag ich diese „Gedankenübertragungen“ nicht so besonders, weil diese auch in den Redefluss des Gastes greifen und somit manche Sätze einfach nicht zu verstehen waren.

    1. Stimmt, jetzt wo du es erwähnst, erinnere ich mich, dass mir das auch negativ aufgefallen ist. Ich mag die Idee der „Gedankenübertragung“ trotzdem, weil sie einen Einblick in die Gedanken der beiden Moderatoren bietet und damit die Identifikation erleichtert.

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