Tim Burtons "Alice im Wunderland"

Tim Burton gehört sicherlich zu den beeindruckendsten Regisseuren und Produzenten der Filmbranche. Seine Filme zeichnen sich durch eine bizarre, düstere Stimmung, verspielte, detaillierte Bilder und nicht zu letzt häufig komplett durchgedrehte Charaktere aus. Das ließ sich in Filmen wie Sleepy Hollow, Sweeney Todd oder Corpse Bride ausgezeichnet bewundern.

Ankunft im Wunderland
Ankunft im Wunderland

Genau wie Tim Burton ist auch die Geschichte um Alice im Wunderland ein Mythos für sich. Das Märchen erschien erstmals im Jahre 1865 und wurde von dem britischen Schriftsteller Lewis Caroll verfasst. Obwohl sich die Geschichte ursprünglich an Kinder richtete, spielte der Autor in seiner Erzählung in einer Weise mit der Logik, dass sie sich auch schnell jenseits der eigentlichen Zielgruppe großer Beliebtheit erfreute. Darüber hinaus hatte die Kindergeschichte großen Einfluss auf die heutige Pop- und Medienkultur, sodass heutzutage viele Motive und Charaktere auch denen bekannt sind, die das Buch bisher nie in den Händen gehalten haben. Zu nennen wären die berühmten Charaktere der Grinsekatze, des verrückten Hutmachers oder des weißen, niemals ruhenden Hasen. Genauso aber auch die sprichwörtlichen „tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus“, die immer noch für eine unvorstelle Wunderwelt stehen.

Aus eben dieser Perspektive möchte ich diese Kritik schreiben. Ich habe Alice im Wunderland (zu meiner Schande) bisher nie gelesen, kenne aber die Handlung in Bruchstücken und habe mir (beeinflusst durch die alte Zeichentrickverfilmung von Disney und die Videospielinterpretation in Kingdom Hearts) inzwischen in meiner Phantasie ein recht genaues Bild gezeichnet, wie die Charaktere zu sein und nicht zu sein haben.

Und da beginnen leider die Probleme, die ich mit dem Film habe. Es tauchen zwar alle wichtigen Charaktere der Alice-Geschichte auf, was prinzipiell sehr erfreulich ist, jedoch entsprechen sie in vielen Aspekten nicht meinen Vorstellungen oder waren schlichtweg unschön dargestellt und das, obwohl der Film mit Helena Bonham Carter, Stephen Fry und natürlich Johnny Depp eine mehr als ausgezeichnete Besetzung hat. Hinzu kommt der Handlungsverlauf, der vom Motiv her eine – in meinen Augen – gute Basis liefert, diese aber an vielen Stellen durch die platte und vorhersehbare Dramaturgie in den Sand setzt:

Die Geschichte des Wunderlands und seiner Bewohner

Die Grinsekatze
Die Grinsekatze

Alice ist die Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmanns und Träumers, der sich zu Lebzeiten dadurch auszeichnete, dass er ständig an das Unmögliche glaubte. Zu Beginn der Haupthandlung muss Alice ihrer eigenen Verlobungsfeier ins Auge sehen, von der sie freilich bis zu dem Moment, als ihr Zukünftiger (zum Schmunzeln blasiert: Leo Bill) vor versammelter Gesellschaft um ihre Hand anhält, nichts wusste. In einem Anflug von Panik folgt sie dem weißen Kaninchen, stürzt in den Kaninchenbau und findet sich im wundersamen, jedoch verwüsteten, Wunderland wieder.

Dort wird sie nach ihrer Ankunft genauso bevormundet, wie auf der Oberwelt. Man bezweifelt, dass sie die „richtige“ Alice sei, sie wird herumgereicht,  und sieht sich schlussendlich mit einer Prophezeihung konfrontiert, die sie zu erfüllen habe: Sie soll dem Jabberwocky mit einem sagenumwobenen Schwert den Kopf abschlagen um das Wunderland endlich von der grausamen Herrschaft der Roten Königin zu befreien. Doch als der Hutmacher (enttäuschend: Johnny Depp) von den Häschern der Königin gefangen genommen wird, macht Alice sich eigensinnig auf den Weg, ihn zu retten und stolpert dabei beinahe zufällig über das Schwert, dessen es für die Erfüllung der Prophezeihung bedarf. Und – schwupps – landet die Protagonistin auch schon im Schloss der Weißen Königin und bereitet sich seelisch auf die alles entscheidende Schlacht vor. Natürlich wird diese Schlacht geschlagen und der Jabberwocky (vergeudetes Genie: Christopher Lee) geköpft. Das Wunderland ist befreit, doch statt bei ihren neu gewonnen Freunden zu bleiben, kehrt Alice zurück an die Oberwelt, um der Verlobungsgesellschaft nun endlich zu zeigen, was eine Harke ist: Sie lehnt die Verlobung ab und steigt in das frühere Geschäft ihres Vaters ein, um damit erfolgreich zu werden.

Die Rahmenidee und die Problematik, um die sich die Geschichte dreht, sind eigentlich geniale Ansätze für eine Entwicklungsgeschichte: Die junge, wohlerzogene Alice wird von ihrem Umfeld bevormundet und muss mit ansehen, wie ihr Lebensweg geplant wird. Es wird erwartet, dass sie den Heiratsantrag von Hamish annimmt, damit sie ihrer Mutter finanziell nicht mehr zu Last fällt. Diesen Zwängen möchte die Träumerin Alice entrinnen und flüchtet sich in das Wunderland, doch statt sich hier von den gesellschaftlichen Zwängen vollends zu emanzipieren, stolpert sie in die nächste Pflicht, nämlich die Prophezeihung, das Wunderland zu retten… und erfüllt sie fast ohne zu murren. An diesem Punkt wurde leider beim Drehbuchschreiben und in der Produktion gehörig gepatzt. Meiner Meinung nach hätte diese Rahmenhandlung eine angemessene Füllung gebraucht, zum Beispiel, indem Alice das Problem nicht mit Waffengewalt löst, was ihrer Aussage nach eh nicht ihr Ding sei, sondern ihren scharfen und kreativen Verstand eingesetzt hätte. Stattdessen stolpert Alice, die noch dazu eher unmotiviert von Mia Waikowska dargestellt wurde, fast schon passiv durch die Handlung. Einzige Lichtblicke der Moment, in dem sie dem Bluthund Bayard klar macht, dass es ihr schnurz sei, ob sie vom vorgeschriebenen Weg abweicht, sowie die Abrechnung mit der Verlobungsgesellschaft… Dabei bleibt’s aber auch.

Aber nicht nur Alice kann nicht wirklich überzeugen. Auch Johnny Depps Rolle des Hutmachers hinterlässt bei mir einen bitteren Nachgeschmack. Er ist zwar sympathisch, heldenhaft und trotzdem durchgeknallt, aber meiner Meinung nach stimmt das Verhältnis nicht. In meiner Vorstellung war der Hutmacher viel, viel bekloppter, was vor allem die Schauspielfähigkeit Depps viel mehr herausgefordert hätte. Stattdessen wirkt er aber eher wie ein mäßig verrückter Hutmacher mit Heldenattitüde, die so gar nicht zu ihm passt und von Caroll Lewis im Original auch nie vorgesehen war. Dort war der Hutmacher nämlich nur eine Nebenfigur, dass diese Rolle auf Grund Johnny Depps Besetzung ausgebaut werden musst, ist aber nachvollziehbar.

Ähnlich sieht es mit dem niemals rastenden weißen Kaninchen aus, dessen Eile so charakteristisch für ihn scheint. Er ist zwar auch in Burtons Version von Alice im Wunderland keine lethargische Schnecke, WIRKLICH eilig scheint er es aber auch nicht zu haben und dabei sind überdrehte CGI-Charakter extrem lustig anzuschauen. Man denke nur an das Eichhörnchen aus der Rotkäppchen-Verschwörung oder die Eule Digger aus dem Film „Die Legende der Wächter“.

Die Rote Königin
Die Rote Königin

Ebenso unbefriedigend wirken die Charaktere der beiden Königinnen. Die Rote-Königin-Darstellerin Helena Bonham Carter kenne ich als eine sehr ausdrucksstarke Schauspielerin mit einer beeindruckenden Mimik, die mich insbesondere in Fight Club und Sweeney Todd beeindruckt hat. Die Mimik wurde ihr leider in der Königinnenrolle genommen, da ihr Kopf computertechnisch vergrößert und dermaßen geschminkt, dass von Mimik leider nicht mehr viel zu erkennen ist. Stattdessen überzeugt allerdings ihr Text, den sie wunderbar hochnäsig und gleichzeitig mit teilweise an eine kindliche Art grenzendem Wahnsinn spricht… oder vielmehr schreit.

Im Gegensatz dazu hat mich die Weiße Königin einfach nur genervt. Sie wirkt so unbeteiligt, als hätte man sie unter starke Drogen und schwebt eigentlich nur durch ihre Auftritte. Eine starke Darbietung liefert sie jedoch keineswegs.

Es gibt jedoch auch regelrechte Glanzlichter unter den Charakteren im Wunderland: Zu nennen wäre zum Beispiel der Märzhase, der ein absolutes Höchstmaß an chaotisch-anarchistischem Wahnsinn präsentiert. Er spricht schnell, handelt schnell, denkt praktisch gar nicht und produziert dadurch herrlich wirren Nonsense. Von seinen Eigenschaften hätten sich das weiße Kaninchen und der Hutmacher einiges abschneiden können. Aber auch die Grinsekatze überzeugt in Burtons Wunderland-Interpretation durch ihre mysteriöse und düstere Art.

Die Wunder in den Tiefen

Die verrückte Teeparty
Die verrückte Teeparty

Im Gegensatz zu dein vielen unausgefeilten und teilweise unmotiviert dargestellten Charakteren und den riesigen Schnitzern in der Storyline können die gezeigten Bilder – typisch für Burton – mehr als überzeugen. Das Wunderland macht seinem Namen alle Ehre. Es ist mal lebhaft, mal tot, aber immer verströmt es eine wundersame bis bedrückende Düsternis, die so charakteristisch für Tim Burtons Filme ist. Desweiteren sind die Schauplätze der Handlung mit einer ungeheuren Liebe zum Detail gestaltet. Beispielhaft dafür sind das Setting der verrückten Teeparty oder das Schloss der Roten Königin, wo man viele kleine Details beim ersten Sehen des Films gar nicht wahr nimmt.

Generell ist es sehr erfreulich, dass einige populäre Motive der Alice-Geschichte, wie zum Beispiel die Teeparty, aufgegriffen wurden. Hinzu kommt das etwas merkwürdig anmutende Croquet-Spiel der Roten Königin mit Flamingo als Schläger und Igel als Ball, oder die Frage, wer die Törtchen geklaut hat.

Das Licht am Ende des Baus

Abschließend ist zu sagen, dass es sich bei der 2010er Interpretation von Alice im Wunderland zwar vom Stil her ganz eindeutig um einen Tim Burton Film erster Klasse handelt. Das beweisen die düstere und detailverliebte Gestaltung der Schauplätze. Gleichzeitig leidet der Film ganz stark unter Schwächen in Handlung und Dramaturgie. Er kommt geradlinig und ohne große Überraschungen und Wendungen daher, ja macht sogar den Fehler, dass sich die Veränderung, die Alice im Laufe des Films durchläuft, nämlich am Anfang fremdbestimmt zu sein und sich am Ende von der Fremdbestimmung loszusagen, nicht oder bestenfalls in Ansätzen in der Handlung im Wunderland wiederfindet (sie folgt trotz allem dem Pfad, der durch die Prophezeihung vorbestimmt ist). Genauso enttäuschend sind die Leistungen mancher Schauspieler, wobei das vermutlich Jammern auf hohem Niveau ist, denn die Schauspieler, die Burton seine Rollen ausgesucht hat, sind definitiv grandios, jedoch wirken sie in diesem Film teilweise unmotiviert verglichen zu anderen gemeinsamen Filmen.

Der Film wird also sowohl eingefleischte Burton-Fans enttäuschen, da man normalerweise von Tim Burton ausgefallenere Handlungen mit überraschenden Wendungen und gleichzeitig spitzer gezeichnete Charaktere erwartet, als auch Liebhaber des Caroll-Märchens nicht zufrieden stellen können, da es sich bei dem Film ausdrücklich um eine Art lose Fortsetzung und Neuinterpretation handelt.

Alle Bilder in diesem Artikel: © Walt Disney Studios Motion Pictures

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