Liara 4 – Flucht in die Finsternis

Doch schon nach wenigen Metern hält Liara überrascht inne. Düster liegt der gewaltige Turm Sa-anjiá, der Turm des vergessenen Volkes, hinter ihr. Es herrscht völlige Windstille und über ihr spannt sich ein wolkenloses Sternenzelt.

Erst jetzt merkt sie, wie tief ihr der Schrecken in den Gliedern sitzt. Die Fee sackt zusammen und lässt sich zitternd auf eine der kühlen Steinplatten sinken, die einst Teil einer breiten Straße gewesen sein muss. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schließt sie die Augen, atmet tief ein und aus und lauscht ihrem aufgeregt pochenden Herzen, das in der absoluten Stille dieser Nacht wie der wilde Galopp eines Schlachtrosses klingt. In Liaras Gedanken spielen sich immer wieder die entsetzlichen Bilder ab, die sie in dem kleinen Turmzimmer gesehen hat, bis sie die Augen aufschlägt, sich von dem Bann des Geschehenen befreit und gen Himmel blickt. Im Zentrum ihres Blickfeldes erhebt sich der Turm wie ein riesiger Stachel, der aus der Erde ragt und schon seit Anbeginn der Zeit dort zu stehen scheint. Doch statt schweren, schwarzen Gewitterwolken drängen sich funkelnde Sterne um die Turmspitze, wie Glühwürmchen um eine Laterne.

Die Fee kneift irritiert die Augen zusammen um sich zu vergewissern, dass ihr Geist ihr keinen Streich spielt, doch wirklich: Nicht die kleinste Wolke verdeckt den Himmel und Liara fragt sich, ob sie die schrecklichen Dinge im Turmzimmer nur geträumt haben könnte. In dem Moment flattert ein zerrissener Papierfetzen zu Boden, auf dem nur noch mit Mühe einige verblichene und ausgewaschene Runen zu erkennen sind. Mit unsicheren Händen greift Liara nach dem Fetzen und starrt ihn ausdruckslos an. Sie wendet ihn ungläubig hin und her und untersucht ihn eingehend, bis sie sicher ist, dass es sich nicht um eine Einbildung handelt. Sie streckt die Arme aus und lässt sich nach hinten auf den Rücken fallen. Der kühle Stein scheint unter ihrem Körper leicht zu pulsieren. Es fühlt sich fast an, wie der langsame Herzschlag eines ruhenden Riesen. Liara lässt sich beruhigen und schließt die Augen. „Was ist bloß passiert? Und was hat das zu bedeuten?“ fragt sie sich selbst mit flüsternder Stimme und lässt die unwirkliche Vergangenheit Revue passieren.

Auch wenn sie Sa-anjiá bei ihrem ersten Besuch nur durch einen Tränenschleier wahrgenommen hatte, strahlte der Turm die selbe düstere und geheimnisvolle Erhabenheit aus, wie jetzt. Doch ließ sie sich davon nicht beirren, sondern stolperte hastig über die Schwelle des gigantischen Haupttores, stürzte mit zornigen Flügelschlägen einige Treppenstufen hinauf und fand sich schließlich am Fuße der scheinbar unendlichen Wendeltreppe wieder, die bis zur Spitze des Turms führen musste und deren Ende sich in der absoluten Finsternis des Turms nur erahnen ließ.

Ein Gedanke zu „Liara 4 – Flucht in die Finsternis

  1. Mir gefällt das Kapitel immer noch richtig gut 🙂

    Aber so wirklich kreativ bin ich heute auch nicht, hab nur 2 Absätze irgendwie zusammenbekommen. Dauert also noch ein wenig ^^

    *winks*

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